Überlebt

Im Folgenden berichtet die 24-jährige Niccole, die sich zur Zeit des Typhoons in Tacloban aufhielt, über die Geschehnisse, nachdem Haiyan auf Tacloban traf. Niccole ist eine Bekannte von uns, die momentan von uns u.a. finanzielle Unterstützung erhält, um weiteren Betroffenen mit Nahrungsmittelpaketen zu helfen.

Tacloban. Der starke Wind und der Regen begannen gegen zehn Uhr am Abend des 7. Novembers. Zunächst beobachteten wir das Wetter, ehe wir uns schließlich entschieden, unseren aktuellen Aufenthaltsort zu verlassen, in der Hoffnung woanders sicherer zu sein.
Der Wind wurde heftiger, Bäume begannen unter seiner Last umzustürzen und auf Häuser zu fallen. Wir versuchten ruhig zu bleiben, aber die Angst in unseren Gesichtern war dennoch deutlich zu erkennen.
Plötzlich brach Wasser vom Meer in die Straßen, innerhalb von nur weniger Sekunden stand es zwei Meter hoch und riss selbst Autos mit sich.
Das Haus, in dem wir uns eben noch aufgehalten hatten, wurde unmittelbar geflutet und wir waren heilfroh, es noch rechtzeitig verlassen zu haben. Die Wassermassen trieben uns durch die Straßen. Bäume, Kühlschränke, Holztrümmer und selbst Autos wurden nun vom starken Wind mitgerissen.

Besonders große Angst hatte ich um einen Jungen, der mit uns unterwegs war, doch er blieb durchgängig tapfer, ja er weinte nicht einmal.

 

Während wir von der starken Strömung mitgerissen wurden, versuchten wir uns über Wasser zu halten und gleichzeitig dem unglaublich starken Wind und dem heftigen Regen zu trotzen. Als wir an einer Kirche vorbei kamen, war diese voller Menschen, sie weinten und beteten. Wir entschieden uns draußen zu bleiben, da das Wasser immer noch am steigen war und wir verhindern wollten, von der Flut eingeschlossen zu werden.

Während wir mit dem Wind, dem Wasser, und der starken Strömung kämpften sahen wir, wie Menschen von Holzteilen, Glas, oder Lautsprechern getroffen wurden, die der Sturm zusammen mit anderen Trümmern durch die Luft wirbelte. Fast drei Stunden lang konnten wir nichts tun außer schwimmen und versuchen, irgendwelches Treibgut in die Hände zu bekommen um über Wasser zu bleiben. Dieses war inzwischen auf vier Meter angestiegen, als der Junge der uns begleitete, ungeachtet von dem Alptraum in dem wir uns befanden, einfach einschlief.
Irgendwann begann die Flut schließlich wieder langsam abzusinken, wir froren, hatten Durst, Hunger und um uns herum nichts als zerstörte Häuser, umgestürzte Bäume, Verletzte und Tote.

Etwas später bot uns jemand einen Platz zum bleiben an und einige Stunden darauf beschloss ich, nach Tanauan, sechs Kilometer von uns entfernt, zu laufen, um Antibiotika für einen verletzten Freund zu erstehen. Auf meinem Weg dorthin traf ich Menschen, benebelt und verzweifelt nach ihren Liebsten rufend. Verendete Tiere, Boote, Lastwagen und Tote lagen überall auf der Straße verteilt und machten das Vorankommen schwierig, sodass ich unglaublich froh war, die besagten Medikamente letztendlich dennoch zu bekommen.

Dann warteten wir auf Hilfe. Am Ende des Tages begannen die Menschen zu verzweifeln, Familienangehörige waren umgekommen, Häuser zerstört, Trinkwasser und Essen nicht vorhanden, eine Stromversorgung gab es nicht mehr. Die ersten Plünderungen begannen, es war ein heilloses Durcheinander. Ab dem dritten und vierten Tag ohne Wasser und Lebensmittel nahm die Gewalt schließlich stark zu, auch die Leichen häuften sich auf den Straßen.
Bis jetzt gab es kein Zeichen der Regierung, weshalb wir uns entschieden loszuziehen. Nach Tacloban selbst zurückzukehren war unmöglich; man berichtete uns dort von Räuberei, Mord und Totschlag.
So gelangten wir nach Sogod. Das erste was wir dort taten war endlich etwas zu essen und anschließend einen Ort zu finden, an dem wir übernachten konnten. Die folgenden Tage fühlten sich im Vergleich zu dem was wir erlebt hatten geradezu paradiesisch an.

Zwei Tage später machte sich unsere Gruppe in Richtung Cebu auf. Ich war enorm erleichtert, meine Schwester dort wieder zu sehen die mir erzählte, dass meine Familie in Sicherheit sei. Seitdem bin ich hier in Cebu und kaufe mit einigen anderen Lebensmitteln ein, die wir anschließend verpacken und nach Samar und Leyte versenden um denjenigen zu helfen, die noch immer unter den katastrophalen Umständen vor Ort zu leiden haben.

Englischsprachige Originalfassung:

“Typhoon Haiyan killed thousands of people. The monstrous wind-power destroyed houses, swept off roofs and created giant waves, that washed away flimsy houses. Including mine!

Tacloban. Strong wind and rain started at around 10 o’clock in the evening of november 7th. We were just observing the weather until we decided to evacuate to another place, thinking of being safe there. The wind picked up and trees started to crack and fall on other houses. We were trying to stay calm but we could see the fear in each others faces.

Suddenly the water rose from the ocean. It just took seconds until it was 2 meters high and surrounding cars started to float away.

The house we stayed in was immediately washed out and we were lucky to get out in time. The trees were dancing in the wind, when we started floating through the street. Cars, trees, woods, even refrigerators were flying around and blocking our way.

I was so afraid of the kid who were with us but they stayed brave and strong. He didn’t even cry.

So we swam and float, and got dragged by the strong current while struggling with incredible strong winds and heavy rain falls. Hundreds of people were inside the church when we arrived there. Crying and praying. We decided to stay outside because the water was still rising and we didn’t want to get trapped inside.

Fighting in the water with the current and all the stuff flying around was crazy but seeing those people getting hit by woods, speakers and broken glass was insane.For almost 3 hours it was just floating, floating, floating and trying to grab anything, just to stay over water. The Water rose up to 4 meters. Despite of the terrible situation we were in, the kid stayed brave and fell asleep after a while in the middle of a nightmare.

Little by little the water calmed down. We were freezing, thirsty and hungry and all around us destroyed houses, bold trees and wounded or dead people.

A little bit later someone came and offered us a place to stay.

After a couple of hours I decided to walk to Tanauan, a town 6km far from us, to buy antibiotics for a wounded friend. On my way I saw people walking dazed, frantic and calling out for their loved ones. Dead people and dead animals, trucks and boats were spread all over the highway. It was quit difficult to get through because a lot of things were blocking the way. I was so happy, when I finally arrived and got the medicine.

We waited patently for help. By the end of the day the people were starting to become desperate. Family members dead, house destroyed, no water, no electricity and no food. The first looting started and it was a mess. I just remember a lot of violence on day three and four, when there was still no food and water available. Dead bodies where piling up the streets.

No sign from the government yet, so we decided to leave the place. Luckily, we caught a ride going south. It was not an option to go back to Tacloban on what we heard about the situation there. Robbing, fighting and even killing.

Finally we got to Sogod and the first thing we did, was to find a place to eat and afterwards a place to sleep. The next days felt like heaven after surviving hell.

Two days later we finally got to Cebu and I was so happy to see my sister, who told me that my family was safe. Since then I’am staying in Cebu and try to help those, who are still there, by buying food and sending it there.”

Niccole C.

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